Drucken
Kategorie: Mein Umgang mit der Fahrangst
Zugriffe: 1377

Ich habe gelernt, Ruhe zu bewahren

Elisabeths weitere Erfahrungen beim selbständigen Fahren

Vorbemerkung: Hier sind zwei weitere Erfahrungsberichte und Anfragen Elisabeths. Sie hat sich nach ihrer Betreuung in Berlin mit großem Mut und Zähigkeit in den Stuttgarter Straßenverkehr begeben, trotz ihrer immer wieder aufflackernden Angst. Im zweiten Bericht auf dieser Seite hat sie ihre Erfahrungen aus der Berliner Betreuung und dem selbständigen Fahren so zusammengefasst. Am wichtigsten sind für sie folgenden Punkte:

 

 Gesendet: Freitag 30. Januar 2015

Schwierige Situationen - Kreisverkehr und enge Landstraße

Hallo Herr Müller,
bei den Normalo-Fahrlehrern bin ich davon ausgegangen, dass die Fahrlehrer gemeint sind, die ihr Handwerk verstehen. In jeder Berufssparte gibt es leider auch diejenigen, die nicht wirklich wissen was sie tun. Und nach Ihren Schilderungen handelt es sich ja anscheinend auch um grasse Falschausbildung.
 
Ich musste übrigens schmunzeln. Es scheint teilweise regional typische Fahrweisen zu geben und Ihre Schilderung hat eine wieider gegeben. Wenn ich im Münsterland auf dem Land unterwegs bin, habe ich des öfteren den Eindruck, dass dort die Ausbildung durch folgenden Leitsatz geprägt war: Wer bremst verliert.
 
Ich schreibe heute aber aus einem ganz anderem Grund.
 
Gerne hätte ich zu zwei Fahrsituationen der letzten Woche von Ihnen eine Information bzw. Ihre Meinung.  
 

1. Situation: Kreisverkehr 

Dichtester Berufsverker (bitte beachten: Ich war da mitten drin - daran war vor einiger Zeit gar nicht zu denken), der vor mir liegende Kreisverkehr ist leer. Jedoch die nachfolgende Straße in die ich dann einbiegen will ist voll - also dort ist ein Stau.
 
Ich bin in den Kreisverkehr reingefahren und habe mich bei dem Stau hinten angestellt. Der Wagen war also zur Hälte noch im Kreisverkehr.
Nachträglich habe ich mich gefragt, ob es eine Regelung gibt wie man sich in dieser Situation verhält, wenn in einer Ausfahrtstraße noch Stau ist.
Fährt man in den Kreisverkehr rein - so wie ich es getan habe, oder wartet man bis genügend Platz ist in die Straße in der man einbiegen möchte? 

2. Situation: Enge Landstraße, Lkw vor mir 

Enge Landstraße, vor mir ein langsam fahrender LKW (50km/h). Mir war von Anfang an klar, dass ich diesen LKW nicht überholen möchte. Ich habe mich da an meinen Angsthasenfahrstil gehalten. Die Landstraße war mir zu eng, nicht übersichtlich genug und die Gegenspur und meine Spur waren gut befahren. Nun fahre ich also direkt hinter diesem LKW. Ich bin dann ein paar Mal von anderen Autos überholt worden, die mich und den LKW überholt haben. Ich habe mich dabei nicht wohl gefüht, weil für mich das zu waghalsig war, dass jetzt neben den schwer einsehbaren LKW noch ein weiterer Wagen (also mich) überholt wurde. Die Situation habe ich dann für mich so gelöst, dass ich die nächste Möglichkeit genutzt habe, um von der Landstraße weg zu kommen. Soll heißen ich bin die nächste Möglichkeit rechts abgebogen und habe angehalten und gewartet. Ich hätte sicherlich nach ein paar Minuten weiterfahren können. Jedoch habe ich hier gebeten, dass mein Mann weiterfährt - wir waren zu zweit unterwegs und ich war stinksauer, dass die Fahrt die ich mir vorgenommen hatte, so jetzt nicht möglich war (Ich wollte mich wieder etwas an Geschwindigkeiten auf Landstraßen gewöhnen).
 
Nun meine Frage: Was hätte ich aus Ihrer Erfahrung noch machen können - außer abzubiegen und zu warten? Was hätten Sie mir geraten, wenn wir in Berlin solch eine Situation gehabt hätten?
 
Ich habe übrigens noch einen Gedankengang, der mir in der letzten Zeit immer öfters durch den Kopf schleicht. Vielleicht ist dieser Gedankengang etwas für den Angsthasentreff:
 
Alles was ich jetzt so erlebe mit meinem Auto, ist für mich doch sehr irreal. Da klappt auf einmal etwas was jahrelang (jahrzentelang) nicht geklappt hat. Das kann doch nicht sein. Der Kopf hat es verstanden. Aber es ist vor allem deswegen so irreal, weil der Bauch nicht zugeben möchte, dass man sich viele Jahre etwas vorgemacht hat und sich deswegen mit den anderen Verkehrsmitteln arrangiert hat. 
 
Ich bin gespannt auf Ihre Antworten und bedanke mich schon im voraus für Ihre Ausführungen.
 
Viele Grüße aus Stuttgart
 
Elisabeth
 

Antwort Frank Müller: 

 
Kreisverkehr:
Ich würde in den noch leeren Kreisverkehr hinein fahren, vorausgesetzt, ich nehme niemandem die Vorfahrt. Dann würde ich darauf achten, keine weitere einführende Straße zu blockieren. Falls das alles in Ordnung ist, stellen sie sich hinter dem aus dem Kreisverkehr abgehenden Stau an.
 
Enge Landstraße, langsamer Lkw:
Sie haben den Lkw nicht überholt, weil sie sich dabei sehr unwohl gefühlt hätten. Bravo, hören Sie auf Ihre Gefühle. Wenn Ihnen der Druck zu groß wird, fahren Sie ruhig raus aus der Landstraße und erholen Sie sich bei einer kleinen Pause, oder geben Sie das Steuer ab. Wenn Sie unter großer Angst überholen, stellt sich womöglich Panik ein, die Konzentration schwindet, ein schwerer Fehler könnte passieren.

 Gesendet: Samstag 31. Januar 2015

Wichtige Erfahrungen einer Angsthäsin

Hallo Herr Müller,
 
ich möchte Sie und Angsthäsinnen, die zukünftig den Weg zu Ihnen finden, beglückwünschen.
 
Es ist ein langer und auch anstregender Weg sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen.
Und aus meiner Erfahrung ist es sehr anstrengend, wenn man erst einmal bereit ist, sich dieser Angst zu stellen, jemanden zu finden, der auf
unterstützt und versteht, dass es nicht nur um reine Fahrerfahrung geht. Dazu aber gleich mehr. Schön, dass sie an anderer Stelle weiter machen.
 
Es freut mich, dass Sie meine Erfahrungsberichte als Einstand nutzen wollen. Haben Sie meinen letzten Bericht (vom 31.01.) noch bekommen? Das war die Erzählung auf die ich dann nichts mehr von Ihnen gehört hatte.  Ich schicke Sie Ihnen gleich im Anschluß an diese E-mail noch mal an die E-mail Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 
Sie können alle Fragenden mitteilen: Ja, ich mache weiter. Ich denke auch nichts ans aufhören. Trotz manchem Rückschlag und trotz der (frustrierenden) Tatsache, dass ich meine Zeit brauche.
 
So jetzt aber meine Ausführung zu  Fahrängsten. Woher meine Angst kommt, kann ich in der Reflektion nur erahnen. Es wird wohl eine Mischung sein von übertriebener Erwartungshaltung alles perfekt zu machen in Kombination lange Zeit nicht gefahrenzusein.  
 
Es dauerte für mich eine Weile zu verstehen, dass sich dadurch eine handfeste Fahrangst manifestiert hat. Gut gemeinte Ratschläge aus meiner Umgebung: "Ja, dann nimmst Du halt ein paar Fahrstunden und dann geht das wieder" haben mich nicht weiter gebracht. Die Angst ist geblieben. Und das hat auch niemand verstanden, der sich nur ums Fahren gekümmert hat.
 
Ich bin dahingehend eher milde belächelt worden. Das geht soweit, dass meine Familie heute darüber noch lächelt, dass ich den Weg zu Ihnen nach Berlin genommen habe (Es wird da nicht offen drüber gesprochen, weil es für meinen Familienkreis schon peinlich ist, dass in einer Autofamilie jemand zum Fahren lernen bis nach Berlin fährt). Mir ist das inzwischen egal. Die Menschen in meinem direkten Umkreis wie z.B. mein Ehemann steht voll hinter mir.
 
Auf der Suche nach der passenden Unterstützung sind mir viele Ideen gekommen: Welche Fahrschulen gibt es in der Umgebung die Erfahrung haben, gibt es Psychologen, gibt es Profis die sich spezialisiert haben? Schnell habe ich verstanden bei meiner Orientierung nach möglicher Unterstützung, dass die Kombination Angst und Auto zwar häufig in verschiedener Schwere in der Praxis vorkommt, die angebotenen Hilfeleistungen jeodch nur durch zähes Suchen zu finden sind.   
 
Was habe ich nun aus den zwei Wochen Berlin bei Ihnen mitgenommen: Ich habe das Fahren von grundauf wieder gelernt. Das war die Fahrtechnik. Der Baustein das ich das Auto bewegen konnte und wusste was ich zu tun und zu lassen habe. Ich habe aber auch gelernt Ruhe zu bewahren. Mir Situationen anzuschauen und mich diesen in dem Tempo zu nähern in dem ich mich in jeden Moment sicher fühle. Und das sind Dinge, dich ich in einer "normalen" Fahrschule nicht gelernt hätte.  Ich habe gelernt, dass man meine Angst wahr nimmt und an ihr arbietet.
 
So sehr ich es verflucht habe: Ihre Technik mich in zweiter Reihe parkend auf einer zweispurigen Straße den rückwärtig annähernden Verkehr zu beobachten, hilft mir jetzt mich in Situationen in denen ich mich sehr unwohl fühle, Ruhe zu bewahren. Ich kenne meine Möglichkeit anzuhalten, wenn nichts geht. Ich muss mich in nichts reindrängen lassen.
 
Ja, da stehe ich schon mal in einer engen kurvigen Straße, weil mir der Bus entgegenkommt und es mir zu heikel ist an ihn vorbeizufahren. Ich warte bis der Bus die Straße genommen hat. Es dauert bis die Ängste besiegt sind. Das was sich über Jahre aufgebaut hat, lässt sich bei mir leider nicht in ein paar Wochen wegtrainieren. Ich muss immer wieder auf die Straße. - Und das Teufelchen Angst ist ganz schön gewitzt. Da kam es doch letztens und setzte sich auf meine Schulter und flüsterte in mein Ohr "Du brauchst doch gar nicht mehr zu fahren, du kannst das doch jetzt." Alsi ich es begriffen hatte was da gerade abläuft, bin ich in lautes Lachen ausgebrochen.   
 
Je mehr ich fahre, desto ruhiger werde ich. Aber, es ist eben auch ein ständiges Auseinandersetzten mit den Ängsten und das geht eben nur, weil ich bei Ihnen mit meinen Nöten zum Thema Angst ernst genommen wurde. 
 
In diesem Sinne, freue ich mich auf viele Angsthäsinnen die die Faszination Auto auch noch kennenlernen wollen. - Die sollen es aber nicht so übertreiben wie ich: Ich schaue mir inzwischen im TV englische Autosendungen an :-)
 
Viele Grüße aus Stuttgart
Elisabeth