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Kategorie: Mein Umgang mit der Fahrangst
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"Ich konnte mich beruhigen. Das war schon befreiend"

Engstellen, dichter Verkehr: Elisabeth überwindet ihre Fahrangst

Elisabeth arbeitet und wohnt in Stuttgart. Bei ihr hat sich eine Fahrangst entwickelt, so dass sie nicht mal den Weg von ihrer Wohnung zur Firma mit dem Auto fahren kann. Sie entschließt sich, zu uns, zur Fahrschule Schaffen Wir, nach Berlin zu kommen. Dort nimmt sie an einem zweiwöchigen Kurs zur Bewältigung ihrer Fahrangst teil. Dafür hat sie Urlaub genommen, das Ergebnis war es ihr wert. Am Ende des Kurses hat sie uns das nachfolgende Interview gegeben.

 Frank, Angsthasenfahrlehrer

Elisabeth, früher Angsthäsin. Der Vorname ist geändert

Das Interview haben wir aufgezeichnet am Fr 26.09.2014


Unter welchen Ängsten im Straßenverkehr haben Sie gelitten, als Sie zu uns kamen?

Dicht gedrängter Verkehr
Fahrstreifen, dicht gedrängter Verkehr

Ich hatte Angst vor dichtem, schnellem Verkehr und vor Engstellen. Ich fürchtete auf eine Situation zu stoßen, wo ich stecken geblieben wäre, nicht mehr weiter gekommen wäre, andere behindert hätte. In der Folge wäre es durch irrationales Handeln durch mich vielleicht zu einem Unfall gekommen.

Was war dem Gefühl nach schlimmer, Engstellen oder dichter, schneller Verkehr?

Zuerst die Engstellen. Später, nach einigen Übungen hier, fand ich den dichten Verkehr weit schlimmer.

Was haben Sie vor dem Kurs bei uns gegen Ihre Fahrängste unternommen?

Ich hatte mit einem Fahrlehrer geübt, welcher sich ebenfalls auf Angsthasen spezialisiert hat. Leider hat mir das nicht viel gebracht. Es war mehr Fahrschuluntersicht als Angsthasenbetreuung.

Gefahren sind wir nur an einem Tag in meiner Umgebung. Dadurch, dass wir sofort im starken Verkehr gefahren sind, war ich überfordert. Ich litt an regelrechter Reizüberflutung, bekam nichts mehr mit.

Ein hartes Programm. Und bei Ihrer Ausgangslage doch wieder zu wenig. Ich hätte es nicht so gemacht.

Ich bin dem Anbieter nicht böse. Mir hat es nichts gebracht und meine Schlussfolgerung war daraus, dass es für mich einen anderen Weg geben muss, um meine Angst zu besiegen.

Gut, dass Sie damit aufgehört haben. Wie ging es weiter?

Verkehrsübungsplatz

Ich wollte unbedingt von vorne anfangen. Mein Mann hat mich dabei unterstützt. Er hat mich zu einem schönen Verkehrsübungsplatz in Heilbronn gefahren. Dort konnte ich genau das üben, das mir noch Sorgen machte: Anfahren, rückwärts fahren, parken, anfahren am Berg, lenken, harmlose Kreuzungen. Wir haben viele Tage auf dem Verkehrsübungsplatz verbracht, natürlich immer am Wochenende. Es tat mir gut. Ich habe mit diesen Übungen Routine in der Fahrzeugbedienung bekommen.

Routine ist sehr hilfreich. Sie können damit fahren, ohne groß nachzudenken. Oder andersherum: Sie können Ihren Verstand auf die Probleme im Verkehr konzentrieren. Mit Routine sind Sie auch einigermaßen vor Stress im Verkehr  geschützt. Sind Sie auch im Verkehr gefahren?

Eigentlich nein. Da hat mich der Mut verlassen. Auf dem Verkehrsübungsplatz war ich zwar gut geschützt. Aber irgendwann merkte ich, dass ich so nicht weiterkam. Es wurde zum Selbstzweck. Selbst mein sehr unterstützender Ehemann konnte mir da nicht mehr helfen. Ich war an dem Punkt an dem ich merkte, das ich von jemanden professionelle Unterstützung brauche, der mit meinen Ängsten umgehen konnte.

Was haben Sie unternommen?

Ich habe Sie und Ihre Fahrschule im Internet gesucht und alles weitere per Email mit Ihnen klar gemacht.

Ich habe Sie zu Beginn sehr ängstlich erlebt. Das ist normal. Was hat Ihnen die Betreuung bei uns gebracht? Wie ist es mit der Angst vor Engstellen oder vor dichtem, schnellem Verkehr?

Engstellen-Training und Beruhigung

Grundsätzlich haben wir Fahrtechniken geübt für die Situationen, vor denen ich Angst hatte. Das tat mir gut. Wir haben Raumeinschätzung in engen Stellen geübt. Dabei lernte ich erst den rechten Außenspiegel zu schätzen. Und wir haben geübt, nach Lücken auszuschauen, wenn es eng wurde. Wenn ich in eine Lücke fahren wollte, musste ich erst lernen, wie das am besten ging. Wir sind bei Engstellen oft in Lücken rein- und herausgefahren.

Das war wichtig. Aber was war mit der Angst, dennoch stecken zu bleiben, unter dem Druck irrational zu handeln und womöglich einen Unfall zu verschulden?

Diese Angst war anfangs hoch. Ich erinnere mich an eine Szene in einer Wohnstraße, als wir geradezu unrettbar feststaken. Ich war zwar in eine Lücke rechts hinein gezogen, aber ungünstig. Ich hatte nur nach vorne rechts gelenkt. Mit dem Hinterteil des Autos ragten wir aus der Lücke heraus. Dadurch konnte weder der nachfolgende Autofahrer noch der andere im Gegenverkehr weiter kommen. Ich konnte auch nicht mehr rückwärts heraus, da blockierte schon der nachfolgende Autofahrer. Ich garantiere nicht, was ich allein gemacht hätte. Da war es schon wichtig, dass Sie als Fahrlehrer dabei waren.

Das ist in Ordnung so, dafür haben Sie mich engagiert. So haben wir zusammen die Ruhe wieder hergestellt. Wichtig war es, ruhig zu atmen und laut zu sprechen. Wunderbarerweise ging es doch noch voran.

Ja, die beiden anderen zogen etwas zurück. Dadurch kam ich wieder ein Stück weit rückwärts aus der Lücke heraus. Anschließend bin ich, mit Ihrer Hilfe wieder hinein gefahren, aber so, dass ich einigermaßen parallel zu den anderen Autos in der Lücke stand, die Vorderräder stark nach links geschwenkt. Das habe ich später bei Ihnen mit mehr Routine geübt.

Merken Sie, was in der Situation alles richtig lief?

Ja, ich glaube schon. Ich konnte mich unter ihrem Schutz beruhigen. Die anderen haben mir geholfen, sie zogen etwas zurück. Und ich hab doch nichts Irrationales angestellt, sondern das Auto gerade bekommen. Ich konnte mich beruhigen. Das war schon befreiend.

10 Minuten Pause beim Fahrstreifenwechsel

Als die Sache mit den Engstellen besser lief, haben wir uns mit dem Fahrstreifenwechsel beschäftigt. Inzwischen hatten Sie mehr Selbstbewusstsein entwickelt, Sie haben energisch auf Ihrem Recht auf Ruhe bestanden.

Ja, endlich sah ich eine andere Möglichkeit, zu handeln, die mir die Ruhe beließ. Früher fühlte ich mich dem Zwang ausgesetzt, im dichten Verkehr bei einem Zweite-Reihe-Parker irgendwie und schnell nach links wechseln zu müssen. Das brachte mir Verwirrung und große Angst. Konnte ich sicher sein, nicht einen schweren Unfall zu verschulden? Und jetzt gab es endlich eine Handlungsalternative: Ich blieb hinter dem in zweiter Reihe stehenden Lkw selbst stehen. Das war so beruhigend.

Sie haben Ihr kleines Ruhesystem sogar noch ausgebaut. Beschreiben Sie es bitte unseren Surfern/innen?

Ich bin hinter dem Lkw stehen geblieben und habe den Motor ausgemacht. Ich wollte ja wirklich stehen bleiben und keinesfalls von anderen unter Druck gesetzt werden und weiter fahren. Auch nicht von sehr wohlmeinenden Autofahrern. Ich wollte mich einfach von dem Druck erholen.

Und das taten Sie dann auch ausführlich. Manchmal standen wir 10 Minuten da und plauderten entspannt. Es gab auch Momente, wo alles frei war, Sie hätten fahren können und doch nicht wollten.

Das war noch nicht mein Ding. Ich brauchte endlich die Freiheit, ohne Druck zu entscheiden. Auch wenn alles frei war, dennoch stehen zu bleiben.

Ich gebe gern zu, dass sogar ich altgedienter Angsthasenfahrlehrer bei Ihrer Anti-Druck-Aktion dazu gelernt habe. Aber dann haben Sie doch noch ein System von Ausnahmen entwickelt.

Sicher, ich wollte ja dazu lernen und weiter kommen. Eine Ausnahme, nach links zu wechseln, war natürlich, wenn es hinter mir leer war. Oder wenn alle zusammen langsam fuhren, halb im Stau, und ich vor mir einen noch langsameren Radfahrer hatte. Schließlich war mir die Sache bei langsamem Tempo nicht so furchterregend. Bei schnellerem Tempo ging nichts, da war die Angst zu groß, auch wenn ich von netten Autofahrern viele „Angebote“ bekam, nach links zu wechseln.

Was Ihnen auf jeden Fall sehr geholfen hat, war das laute Sprechen bei all diesen stressigen Aktionen. Ich sah mit Freude, dass Sie sich dadurch sehr beruhigten. Wir haben uns immer laut verständigt über Ihre Sicht der Dinge.

Das werde ich auf jeden Fall beibehalten. Ich merkte ja selbst, dass dabei die Vernunft zurück kam und ich ruhiger wurde.

Wie soll es in Stuttgart weiter gehen?

Ich werde auf jeden Fall mit meinem Mann weiter üben. Er redet mir überhaupt nicht rein, berät mich nur, wenn ich möchte. Er nimmt mir einfach ein bisschen die Angst. An dem Fahrstreifenwechsel muss ich natürlich noch üben, das weiß ich. Zuerst werden wir meine beruflichen Wege abfahren.

Es tut mir leid, dass wir hier in Berlin noch nicht so weit gekommen sind, das selbständige Fahren in einem normalen Pkw, nicht Fahrschulwagen, zu üben. Insofern ist die Betreuung noch nicht vollständig. Ich freue mich für Sie, dass Ihr Mann Ihnen so nett hilft. Aber irgendwann werden Sie es alleine schaffen. Wie sehen Sie das?

Ich bin da locker, es wird gehen. Denn ich weiß jetzt, dass ich die Angst kontrollieren und vernünftig und ruhig fahren kann. Ich habe Handlungsalternativen kennen gelernt. Das finde ich sehr wichtig.

Gerne auf der Autobahn

Zum Schluss gab es noch eine für mich überraschende Entwicklung. Wir fuhren auf die Autobahn, das war Ihr ausdrücklicher Wunsch. Und dabei hat sich sogar heraus gestellt, dass Sie gerne Autobahn fahren. Ich war verblüfft! Denn die meisten Angsthasen haben große Angst vor der Autobahn. Da spielt vor allem das Tempo eine Rolle. Aber Sie sagen mir einfach „Autobahn fahre ich gern!“ Gut so. Wie sehen Sie das?

Das Tempo ist nicht so schlimm, man fährt ja keine starken Kurven, außerdem gibt es keine Kreuzungen. Was mir auf der Autobahn gefällt, ist die Weite. Die anderen Autofahrer kommen mir nicht so nah wie im Stadtverkehr. Wenn ich rechts fahre, brauche ich gar nicht so schnell zu fahren, 100 bis 120 reichen mir völlig.

Und was ist mit den Dränglern?

Nicht schön, mit denen kann ich leben. Die haben wir auch im Stadtverkehr erlebt. Ihre Hektik und das Drängeln sind nicht mein Problem. Ich fahre rechts. Da können sie ja vorbei.

Das Hereinfahren vom Einfädelungsstreifen in die eigentliche Autobahn war dann doch ein bisschen schwierig für Sie. Denn im Berliner Verkehr herrscht auch auf der Autobahn manchmal drangvolle Enge.

Wir sind ja Gott sei Dank an einer Stelle gefahren, wo die Einfahrspur gleich in eine Ausfahrspur überging. Da hatte ich die nötige Ruhe, darüber nachzudenken, außerdem eine Handlungsalternative, musste gar nicht einfahren, sondern konnte viele Male schlicht und einfach wieder abfahren. Schließlich war hinten mal eine sehr günstige Situation, als ein Autofahrer hinter mir rechts blinkte, weil er raus aus der Autobahn wollte. Der fuhr langsamer, vielleicht auch wegen mir, und sperrte gleichzeitig ein bisschen den Verkehr hinter uns. So konnte ich mit einigem Zittern nach links in die Autobahn hinein ziehen.

Dann war der Knoten geplatzt. Aber doch nicht ganz. Sie sträubten sich gegen weitere Autobahnfahrten, mit dem Argument, Sie wollten sich das gute Erlebnis bewahren und nicht durch vielleicht neue schlechte Erlebnisse zerstören. Das fand ich nicht in Ordnung. Wir haben darüber geredet. Schließlich muss man sich auch mal einen Fehler gönnen. Das ist doch normal.

Also gut, außerdem habe ich mich ja zur weiteren Autobahnfahrt überreden lassen. Und es ging gut.

Beruhigung auf dem Seitenstreifen

Aber wie lief es?

Alles sehr merkwürdig. Hinter uns fuhr ein Fahrschulauto, das war schon vor uns in die Autobahn gezogen. Fahrschüler und Fahrlehrer gaben sich Mühe, uns auch herein zu lassen. Sie waren lieb zu uns, wollten helfen, blieben richtig zurück. Und ich hatte plötzlich einfach keine Traute mehr, fuhr dafür immer weiter auf dem Seitenstreifen. Ein Art kleiner Angstblockade.

Das Weiterfahren auf dem Seitenstreifen geht zur Not, aber es konnte so auch nicht stundenlang weiter gehen.

Wir sprachen laut über die Situation, ich sah ein, dass die nett zu mir waren, die Lücke mehr als ausreichend. Und vor allem, dass ich in der Lage war, die Situation zu kontrollieren. Ich fühlte mich wieder beruhigt. So zog ich nach links.

Wir hatten die Alternative – Notlösung – Seitenstreifen gewählt. Aber das musste natürlich mal ein Ende haben. Dennoch, auch hier gibt es Möglichkeiten, wenn Sie Ihre Besinnung gar nicht mehr wieder finden. Denken Sie dran?

Zur Not kann ich auch auf dem Seitenstreifen anhalten, ich weiß, mit Warnblinklicht. Das ist dann keine technische Panne, sondern eine Art menschliche, weil ich nicht mehr kann.

Das Warnblinklicht sollten Sie gebrauchen, und, wenn Sie nicht gleich weiter fahren, das Warndreieck. Vorsicht, die ganze Situation ist gefährlich. Verlassen Sie das Auto am besten über die Beifahrertür. Ziehen Sie vor dem Aufstellen des Warndreiecks die Warnweste an.

Vielen Dank für die Information. Ein bisschen erinnere ich mich noch an den Fahrschulunterricht.

Es gibt halt ein paar Situationen auf der Autobahn, die gefährlich sind. Wenn Sie sich vorsichtig verhalten und die Regeln beachten, sind Sie schon sehr sicher. Der andere Teil der Nicht-Angst kommt aus Ihrem Inneren. Sie haben die Zauberworte ja mehrmals erwähnt: Ruhe finden, Verstand präsent halten, Handlungsalternativen suchen. Ich hoffe, Sie werden jetzt zu Hause regelmäßig weiter trainieren. Und ich bitte um einen kleinen Erlebnisbericht. Um weiteren Angsthasen Mut zu machen.

Den verfasse ich Ihnen gerne.


Schlussbemerkung: Elisabeth wird für unsere Sufer/innen von ihren weiteren Erlebnissen berichten. Sie schickt uns bald ihre Eindrücke von ihren Erfahrugnen in Stuttgart und Umgebung.  Diese Berichte werden viele Sufer/innen interessieren, die sich mit Recht fragen: Lässt sich denn das Ergebnis der Betreuung nachher im Straßenverkehr durchhalten? Wir glauben, schon, sind natürlich gespannt auf die Berichte. Vielen Dank, Elisabeth!