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Kategorie: Mein Umgang mit der Autobahnpanik
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Meine Angst ist eine Katze

Erster Bericht Ilonas. Ilona kann ihre Autobahnpanik kontrollieren

Vorbemerkung und Kommentar

Ilona kam zu mir, weil sie an Autobahnpanik litt. Die Angst ging los auf der Autobahn bei Tempo 80 und mehr: Dann brach Panik über sie herein, mit solchen Symptomen wie Herzklopfen, schneller Atmung, Schweißausbrüchen, Konzentrationsmängeln und vor allem dem Gefühl, beim Fahren außen vor zu sein, die Kontrolle zu verlieren.

 

 

Das erste Mal passierte es ihr nach der Wende Anfang der 90-er Jahre. Sie hatte nach der Wende das Gefühl, durch den anschwellenden und schnellen Verkehr unter Druck zu geraten. Nach der Wende passierte auch die erste Panikattacke.

 Spannungsspitzen abbauen

Um ihre Panik wieder zu mildern, hat sie seitdem viele Versuche unternommen, auf der Autobahn zu fahren, sich an die Situation zu gewöhnen und die Panik damit hoffentlich zu mildern. Das hatten ihr auch wohlmeinende Freunde so geraten: "Du musst fahren, fahren, fahren..." Jedoch brachten diese Versuche keine dauerhaften Erfolge, die Angst vor der Panik blieb. Einmal kam es sogar zu einer bedrohlichen Situation, als sie einen Blackout erlitt. Kein Wunder, denn sie ist ja damals nur gefahren, ohne ernsthaften Versuch, die Panik durch gezielte Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Dieser volkstümliche Rat taugt leider nicht viel.

Das zeigt auch unsere erste Probefahrt auf der Autobahn Richtung Schönefeld. Ilona war dort nach ihrer Aussage auf einem Stand der Nervosität zwischen 8 und 9 (bei 1 = sehr gering bis 10 große Nervosität, Panik). Wir bemühen uns bei den ersten Fahrten, die körperlichen Symptome zu mildern, um solche Spannungsspitzen der Nervosität zu vermeiden und Ilona schon kurzfristig ein besseres Gefühl der Kontrolle zu geben: Lautes Sprechen über die Angst und ihre Intensität, dadurch auch Beruhigung von Herzschlag und Atem, progressive Muskelentspannung, lebhaftes Schauen nach links und rechts, weit vorne und in den Nahbereich, um den gefährlichen Tunnelblick zu vermeiden.

Angst = Katze?

Die Katze, noch ist sie lieb und schnurrig, die Krallen sind eingezogen
Die Katze, noch ist sie lieb und schnurrig, die Krallen sind eingezogen

Als nächstes beschäftigen wir uns mit den Angstgedanken. Ilona sollte sich bemühen, eine neue Haltung gegenüber der Angst einzunehmen. Sie achtet in Zukunft darauf, wie die Angst im Vorfeld auftritt, um sich nicht von der Panik überraschen zu lassen. Dann rate ich ihr, die Angst nicht nur bedrohlich zu sehen, sondern zwiespältig, so wie eben die Rolle der Angst ist: Sie schützt uns, in extremer Form quält sie uns leider. Ich bitte sie, sich unter ihrer Angst ein Tier vorzustellen, das diesen Vorstellungen näher kommt. Das nächste Mal hat sie sich dafür eine Katze ausgesucht: Diese ist lieb, schmusig, kann aber auch kratzen und wehtun. Gut, dabei soll es bleiben. Ilona soll lernen, mit der Angst umzugehen und zu leben, wie mit ihrer Katze. Die Katze spielt auch in ihrem Bericht eine Rolle.

Angst auf dem Seitenstreifen?

Schließlich ist wichtig zu besprechen, worin sich die Angst konkret äußert. Dabei spielt der Seitenstreifen der Autobahn leider eine Rolle. Sie fürchtet, dass sie diesen. nach einem Panikanfall benutzen muss und dadurch für sich und andere schwere Gefahren schafft, vor allem, weil der Seitenstreifen ihrer Ansicht nach nicht breit genug ist.

Nun reden wir über den Seitenstreifen und schauen uns viele Seitenstreifen an. Das beruhigt sie schon sehr. Jedoch, was jetzt erforderlich wäre, kann ich leider nicht tun: Mit ihr die Benutzung des Seitenstreifens zu üben. Nicht, weil dieser nicht breit genug wären. Und wenn man sich richtig verhält, kann einem dort auch nicht viel passieren: Aufffahren mit Warnblinklicht, aussteigen wegen des Warndreiecks nur über rechte Tür, hinter die Leitplanke gehen. Gefährlich wird es allerdings trotzdem, wenn Vorbeifahrende zu intensiv dorthin schauen und dabei die Fahrlinie verlieren und nach rechts krachen. Aus diesen Gründen können wir solch einen Fall leider auch nicht im Experiment üben. Das sieht sie sofort ein, ist durch das Sprechen über ihre Ängste trotzdem getröstet.

Autobahn Seitenstreifen breit genug?

Autobahn: Seitenstreifen breit genug?

Zum Schluss fahren wir in ihrem eigenen Auto über die Avus Richtung Potsdam, verirren uns dort ein bisschen. Alles nicht so schlimm, denn Ilona packt die Sache schon sehr kontrolliert. Von daher empfehle ich ihr, bis zur nächsten Stunde einmal eine Alleinfahrt zu wagen. Darüber berichtet sie hier.


 

Am 19.04.1015 um 18:19 schrieb Ilona:

 

Hallo, Herr Müller,

na klar, können Sie die Berichte veröffentlichen, wenn ich damit anderen helfen kann bzw. Mut machen, dann freue ich mich darüber. Angsthasen müssen doch zusammenhalten.

Ich habe gestern meinen Sohn vom Flughafen Tegel abgeholt. Die Hinfahrt allein, auf der Rückfahrt mit als Beifahrer. Auf der Hinfahrt war die Angst zeitweise etwas stärker, so bei 4 – 5. Zwischendurch konntet ich mich immer wieder gut beruhigen, mit Stoppsagen und Muskelentspannung.

Zurück haben wir viel gesprochen, er hatte interessante Erlebnisse zu berichten. Die Angst war im Hintergrund auch da. Als sie etwas doller wurde, habe ich es dann auch gesagt. Bin dann aber trotzdem weitergefahren bis nach Hause.

Bis Donnerstag

Viele Grüße

Ilona


 

Am 12.04.2015 um 21.25 schrieb Frank Müller:

 

Liebe Ilona,

vielen Dank für Ihre nachträglichen Informationen. Darf ich Ihre beiden Berichte, zusammengefasst zu einem, auf meiner Homepage www.auto-angst.de veröffentlichen? Ohne Ihren genauen Namen zu nennen, einfach den Vornamen. Die Erwähnung der Katze würde ich kurz erklären. Ebenfalls den Seitenstreifen, sehr interessant alles. Vor allem große Freude auf meiner und Ihrer Seite, dass es geklappt hat mit dem Alleinfahren. Das haben Sie sich verdient.

Gruß Frank Müller


 

Am 12.04.2015 um 11:27 schrieb Ilona:

 

Hallo, Herr Müller,

vielen Dank für den reservierten Termin, er ist ok.

Ich war auf der Rückfahrt schon sehr nervös, so anfänglich auf 6, dann ging es runter auf 4 bis 3. So richtig kann ich gar nicht sagen, wovor ich Angst hatte, meine Gedanke war dann: Ich fahr jetzt einfach, es hat ja vorhin auch geklappt. Im Büro kam ich ziemlich erschöpft an, war aber vor allem happy, dass ich alleine Autobahn gefahren bin.

Zwischendurch habe ich die progressive Muskelentspannung der Schultern ein paar mal gemacht und mit der Katze geredet. Das laute Sprechen und an was Schönes zu denken hat am meisten geholfen.

Mit dem Anhalten auf dem Seitenstreifen könnte ich mich nicht so gut anfreunden. Aber im Extremfall würde ich es schon machen, wenn ich merke, es wird sonst gefährlich. Mein Gedanke dazu wäre: Hier bin ich erstmal sicherer und es passiert nichts. Ich glaube, ich würde mir auch zutrauen, da wieder wegzukommen, wenn es mir besser geht. Wenn nicht, wäre es sicher unangenehm, sich von irgend wem da rausholen zu lassen, am Ende aber keine Katastrophe. Man stirbt ja nicht davon.

Bis zum 23.4. herzliche Grüße

Ilona


 

Am 10.04.2015 um 12.14 schrieb Frank Müller:

An Ilona

Liebe Ilona,

ich habe den nächsten frühen Termin für Sie reserviert: Do 23.4.2015, 9.30 - 11 Uhr. Mit Ihrem Pkw. Wenn es ok ist, antworten Sie mir kurz. Wenn nicht, ebenfalls. Ich suche dann einen anderen Termin. Nächste Woche war leider schon voll.

Welche Entspannungsübungen waren für Sie bei der Rückfahrt hilfreich? Wurden Sie von Angstgedanken geplagt?

Wir haben ja über die Bedeutung des Seitenstreifens gesprochen. Nun sind wir beide froh, dass es geklappt hat. In der Zwischenzeit ruhig wieder ein bisschen üben.

Schöne Grüße

Frank Müller